domscheit_interview_360Whistleblower stehen immer stärker im Fokus der Öffentlichkeit. Was sind Erfolgsfaktoren dafür, dass mit dem Zugang zu Informationen auch nachhaltige Änderungen angestoßen werden?

Der wohl wichtigste Erfolgsfaktor ist die konsequente Verfolgung des Missstands, der durch einen Whistleblower aufgedeckt wird, und die systematische Arbeit an der Beseitigung dieses Missstands. Das mag erst mal trivial klingen, ist aber gerade, wenn es um die Öffentlichkeit geht, ein komplizierter Prozess, der aktuell nicht besonders gut skaliert. Dies liegt vor allem an fehlenden etablierten Prozessen rund um dieses Thema. In einer Organisation wie einem Unternehmen ist man ohne Prozesse zur Korrektur von Fehlentwicklungen nicht konkurrenz- oder überlebensfähig, und es ist eine rein politische Frage, ob beziehungsweise wie man mit den Informationen von Whistleblowern umgeht. Also ob man einen Missstand, der wahrgenommen und aufgezeigt wird, abschafft. In der Organisation Gesellschaft ist dies nicht ganz so einfach. Missstände, die aufgezeigt werden, werden ganz oft eindeutig als unerwünscht wahrgenommen – vom Gammelfleisch über Zustände in Altenheimen bis zur NSA-Affäre. Es gibt jedoch oft keinen definierten, geschweige denn direkten Prozess, daran etwas zu verändern, außer politischen Druck auszuüben. Dies hat dann aber mehr mit langem Atem und Aufmerksamkeitsökonomie zu tun. Und da scheitert es dann oft, nicht zuletzt durch die Konkurrenz strategisch wichtiger Themen mit einer Flut weiterer Informationen und Nachrichten. Da gerät man schnell außer Puste.

Welche Rolle kommt in diesem Zusammenhang den Medien zu?

Die Medien spielen eine absolut kritische Rolle. Sie sind Mittler zwischen einem einzelnen Whistleblower, der ein oft komplexes Thema mitbringt, und der Öffentlichkeit, die an das Thema, seine Tragweite und Relevanz oft herangeführt werden muss. Und die man dann irgendwie bei der Stange halten muss, damit sich auch etwas verändert. Und genau da sind die Medien mindestens so sehr Problem wie Teil der Lösung, und wir sind wieder beim Thema Aufmerksamkeitskökonomie. In Zeiten, in denen die Welt gefühlt eine ganze Menge existenzieller und dramatischer Probleme hat, wünsche ich mir oft, dass die Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der Menschen nicht eine so große inhaltliche Bandbreite aufweist.

Inwiefern hat sich die öffentliche Meinung in Bezug auf Whistleblower in den letzten Jahren gewandelt?

Das Konzept des Whistleblowers, also das eines positiv besetzten Geheimnisverräters, ist in den Wohnzimmern der Welt angekommen, nicht zuletzt durch die Veröffentlichungen auf WikiLeaks. Dies ist gerade für Deutschland sehr wichtig, denn wir haben ja nicht einmal ein Wort für diesen positiven Geheimnisverrat und damit auch kein wirkliches Konzept. Das hat sich verändert, und der Whistleblower hat Einzug gehalten in den allgemeinen Sprachgebrauch und ist damit gesellschaftsfähig geworden. Spätestens seit Edward Snowden hat dieser auch ein Gesicht bekommen, eines das in der Fläche positiv wahrgenommen wird, ein menschliches ist und eine gewisse Demut ausstrahlt. In einer Zukunft, in der die Welt und ihre Zusammenhänge zunehmend komplexer werden, brauchen wir diese Art von kulturellem Wandel ganz dringend, denn wir brauchen mehr und effizientere Möglichkeiten zur Fehlerkorrektur. Und wo besser anfangen als dort, wo Fehlentwicklungen entstehen, informiert durch Menschen, die diese bezeugen.

Welche Unterschiede beobachten Sie im Umgang mit Whistleblowern in den USA und Deutschland?

Die USA sind, was das ganze Thema angeht, natürlich ein ganzes Stück weiter als wir. Dort gibt es schon länger ein Wort, ein Konzept, und dieses ist integriert in das System. Es gibt Gesetze, die es regulieren und eine ganz andere, viel offenere Kultur, damit umzugehen. Sicherlich ist auch in den USA die Welt nicht eitel Sonnenschein fuer Whistleblower. Der Fall Snowden, wie der anderer Whistleblower aus dem NSA-Umfeld auch, zeigt ganz klare Defizite des Systems auf. Die grundsätzliche Ausgangssituation ist allerdings eine ganz andere als hierzulande.

Was können Compliance-Verantwortliche von Internet-Aktivisten lernen?

Als Erstes steht wohl die Erkenntnis, dass beide Gruppen ähnliche Ziele verfolgen. Es geht um Ideale wie Nachhaltigkeit und Integrität, und die Einhaltung gewisser Spielregeln, damit Nachhaltigkeit möglich ist. Auch gibt es abseits vom Whistleblowing weitere inhaltliche Schnittstellen, wie Fragen rund um das Thema Datenschutz zum Beispiel, welcher selbst in der deutschen Hackerethik eine ganz ausserordentlich wichtige Rolle spielt. Soweit zumindest mein Idealbild vom Compliance-Verantwortlichen, dessen Daseinszweck nicht ist, einen potentiellen Whistleblower zu verfolgen, weil dieser non-compliant handelt, sondern der ein übergeordnetes Interesse an der Aufklärung aufgezeigter Missstände und dem Schutz würdiger Information hat. Die zweite Erkenntnis ist wohl, dass Internet-Aktivisten aktuell helfen dem Thema Whistleblowing an sich einen Weg zu bereiten, diesen angesprochenen kulturellen Wandel zu etablieren. Darauf muss allerdings ordentliche Regulierung folgen, etwas Besseres und Systemischeres als verschiedene Plattformen im Internet das leisten können. Wir müssen es zu einem Teil politischer, rechtlicher und ökonomischer Kultur machen, und dafür müssen alle an einem Strang ziehen, die ähnliche Ziele verfolgen. Und ich würde hoffen, dass dies für Aktivisten wie auch für Compliance Manager gilt.

Daniel Domscheit-Berg baute von 2007 bis 2010 gemeinsam mit Julian Assange die Whistleblowing-Plattform WikiLeaks mit auf und war – unter dem Pseudonym Daniel Schmitt – der Sprecher der Internet-Plattform. Ein Buch über seine Erfahrungen „Inside WikiLeaks“ erschien 2011. Das Buch ist eine der Quellen für den Hollywood-Film „Inside WikiLeaks – Die Fünfte Gewalt“. Als Diplom-Informatiker und Experte für Netzwerksicherheit ist Daniel Domscheit-Berg ein vehementer Fürsürecher für Transparenz und Meinungsfreiheit im World Wide Web. Er plädiert für einen gleichberechtigten Zugang zu Wissen und Informationen in einer globalisierten Welt.